Gemeinsam die Angst vorm Essen besiegen

junge Frau mit Spiegel in der Hand

“You know, covergirls eat nothing
She says, beauty is pain and there's beauty in everything
What's a little bit of hunger?
I could go a little while longer, she fades away

She don't see her perfect
She don't understand she's worth it
Or that beauty goes deeper than the surface
So to all the girls that's hurting
Let me be your mirror
Help you see a little bit clearer
The light that shines within

There's a hope that's waiting for you in the dark”

Alessia Cara

In ihrem Lied “Scars to your beautiful” thematisiert Grammy-Preisträgerin Alessia Cara (24) Selbstzweifel und den krankhaften Wunsch nach dem perfekten Körper, der scheinbar zum Glücklichsein notwendig ist. Jedoch ist ihre Botschaft eindeutig: Jeder Mensch ist schön und wertvoll, ganz egal wie er oder sie aussieht. Damit trifft die kanadische Sängerin den Nerv der Zeit. Ihre meist jungen weiblichen Fans sind die Hauptrisikogruppe für die Entwicklung einer Essstörung. Und während auf der einen Seite Stimmen wie Cara zum self-empowerment aufrufen, kursieren auf der anderen Seite Hashtags wie #A4-Challenge oder #CollarboneChallenges bei denen junge Mädchen auf Social Media Plattformen in einem regelrechten Wettbewerb posten wie dünn sie sind, ganz nach dem Motto ‘je dünner, desto schöner’. Jedoch sind solche Internetphänomene nicht zu unterschätzen, verstärken sie dabei eine ernstzunehmende psychische Erkrankung, die Anorexia Nervosa, besser bekannt als Magersucht.

Aber woran leiden Menschen mit diesem Störungsbild eigentlich genau? Anorexia Nervosa ist gekennzeichnet durch eine anhaltende Gewichtsabnahme und einen unterdurchschnittlichen Body Maß Index, definiert als ein BMI unter 17,5 kg/m² [1]. Der Grund hierfür liegt in einer dauerhaft reduzierten Kalorienaufnahme, die dazu führt, dass es zu einer Unterschreitung des als gesund angesehenen Mindestgewichtes des jeweiligen Alters, Geschlechts und der Körpergröße kommt [2]. Das stetige Reduzieren des eigenen Körpergewichts liegt in der Angst vor einer Gewichtszunahme begründet, wobei diese Angst auf unterschiedliche Ursachen zurückgehen kann. Dabei spielen nicht nur Schönheitsideale eine Rolle. Zum Beispiel erleben die Patient:innen ein Kontrollgefühl, indem sie ihre Nahrungsaufnahme beschränken oder eine Aufmerksamkeitszuwendung seitens des Umfelds aufgrund ihres niedrigen Gewichts, welche sie zur Aufrechterhaltung ihrer Verhaltensweisen bewegt. Hinzu kommt die gestörte Wahrnehmung des eigenen Körpers [1] und eine Störung der kognitiven und emotionalen Funktionen [3] bei Patient:innen mit Anorexie ist so zum Beispiel, dass Erkrankte eine mangelnde Selbstwahrnehmung über das gestörte Verhalten aufweisen und Schwierigkeiten haben, eigene Emotionen zu beschreiben [4]. Es steckt also ein komplexes Netzwerk an Symptomen, Ursachen und aufrechterhaltenden Faktoren hinter der Erkrankung, welche individuell verschieden und nur schwer in ihrer Gesamtheit zu erfassen sind.

Jährlich erkranken in Deutschland 12.000 Menschen neu an Anorexia Nervosa, wobei es sich größtenteils um junge Frauen in der Altersgruppe von 15 bis 19 Jahren handelt [5]. Schätzungen zufolge gehen weltweit drei Millionen gesunde Lebensjahre durch Essstörungen verloren, die jährlichen Gesundheitskosten sind bei Menschen mit Essstörung 48 Prozent höher als in der Allgemeinbevölkerung [6] und die Sterberaten sind viermal höher als in der gesunden Normalbevölkerung [4]. Trotz steigender Prävalenz [1], also der Häufigkeit aktiver Fälle, und zunehmender Aufmerksamkeit auf dem Störungsbild, gibt es nach wie vor eine große Dunkelziffer an Erkrankten und weiterhin unzureichende Behandlungen [7].  Insbesondere die Prognose der Anorexia Nervosa ist sehr schlecht. So liegen die Heilungsraten ein bis zwei Jahre nach der Behandlung unter 50 Prozent. 20 bis 30 Prozent der Patient:innen entwickeln eine persistierende Form der Essstörung und leiden teilweise ihr ganzes Leben unter der Krankheit [8]. Zu den traurigen Zahlen gehört auch, dass jährlich 0,56% der Erkrankten an ihrer Essstörung und den gesundheitlichen Folgen sterben [3].

Aber mit ihrer Zeile “There’s a hope that’s waiting for you in the dark” liegt Alessia Cara gar nicht falsch, denn auf der Suche nach einer hilfreichen Therapie steht die Forschung nicht still. Im Rahmen der Entwicklung neuer und der Verbesserung alter Therapieformen sollte ein genauerer Blick auf die Gruppentherapie geworfen werden. Der bisherige Forschungsstand lässt keine eindeutige Beurteilung der Wirksamkeit von Gruppentherapie bei Patient:innen mit Anorexia Nervosa zu. Es wird diskutiert, ob eine störungsspezifische Gruppentherapie eher dazu führt, dass sich Patient:innen gegenseitig in ihrem dysfunktionalen Verhalten motivieren und bestärken beziehungsweise als Modelle fungieren und voneinander lernen, oder ob sie sich durch ein Wir-Gefühl und emotionale Verbundenheit positiv auf den Krankheitsverlauf Betroffener auswirkt [9]. Während darauf hingewiesen wird, dass Freundschaften mit Personen, die unter derselben Störung leiden, förderlich sein könnten [10] werden in der Literatur auch die damit verbundenen Risiken betont. So werden einige Online Foren für Personen mit Anorexie vor allem dafür genutzt, sich über effektive Methoden zur Gewichtsreduktion zu informieren. Ebenso können Gruppentherapien oder Wohngruppen das Krankheitsbild negativ beeinflussen, indem ein Wetteifern und Konkurrenzdenken entsteht, bei dem die Erreichung des niedrigsten Gewichts der Gruppe angestrebt wird [11]. Auch das „Manual der kognitiven Verhaltenstherapie bei Anorexie und Bulimie“ thematisiert, dass die Wirksamkeit der Gruppentherapie bei der Anorexia Nervosa noch nicht ausreichend untersucht ist [12]. Deswegen stellt sich aus Patient:innenperspektive im Hinblick auf Therapieerfolg und daran anknüpfend auch aus ökonomischer Perspektive für das Gesundheitswesen die Frage: Gibt es Unterschiede in der Wirksamkeit von Einzel- beziehungsweise Gruppentherapie bei Patient:innen mit Anorexia Nervosa?

In Form einer Wirksamkeitsstudie soll diese Fragestellung untersucht werden:

In einer randomisiert-kontrollierten Studie (kurz RCT) soll untersucht werden, ob die Gruppentherapie für Personen mit Anorexie effektiv ist und inwiefern die Effektivität vergleichbar ist mit der von Einzeltherapie. Die zu vergleichenden Gruppen ergeben sich aus zwei Kontrollgruppen und einer Experimentalgruppe. Kontrollgruppe 1 definiert die inaktive Kontrollgruppe, welche auf einer Warteliste auf die Behandlung „wartet“ und keine der zu untersuchenden Therapien durchläuft. Kontrollgruppe 2 umfasst Proband:innen, welche in Einzeltherapie behandelt werden. Die Experimentalgruppe erhält Gruppentherapiesitzungen, in der bestimmte Bausteine ableitend aus der Einzeltherapie ausgebaut werden sollen. Die Behandlung orientiert sich dabei an dem „Manual der kognitiven Verhaltenstherapie bei Anorexie und Bulimie“ von Legenbauer und Vocks (2014). Ziele der Therapie sind eine Normalisierung des Essverhaltens und des Gewichts, die Bearbeitung negativer Gedanken und Gefühle, die Überwindung von übertriebenem Perfektionismus, eine Verbesserung des Umgangs mit den eigenen Gefühlen, der Aufbau sozialer Fertigkeiten, eine Verbesserung des eigenen Körperbildes, der Aufbau von Selbstwertgefühl und die Erarbeitung von Strategien zur Rückfallprävention. Angesetzt sind 40 Teilnehmer:innen pro Gruppe. Die Einteilung der Gruppen erfolgt randomisiert, also zufällig. Damit wird gewährleistet, dass sich die Gruppen nicht systematisch in Bezug auf bestimmte Personenmerkmale voneinander unterscheiden und bleiben dadurch vergleichbar.

Die Schwere der Symptomatik am Anfang, die Veränderung während der Therapie und 6 Monate nach Abschluss der Behandlung wird mit Hilfe des SIAB-S-Fragebogens (Strukturiertes Inventar für Anorektische und Bulimische Essstörungen) beurteilt. Der SIAB-S enthält Fragen zu Körpergewicht, allgemeinen psychischen Problem, sozialer Einbindung, Bulimischen Symptomen (Essanfälle und herbeigeführtes Erbrechen), Körperbild und Schlankheitsideal, Sexualität, Essverhalten (z. B. Fasten) und Substanzmissbrauch. Somit deckt er ein breites Spektrum an möglichen Problembereichen ab. Um die Ergebnisse vergleichbar halten zu können, gibt es ein paar Begleiterkrankungen (auch Komorbiditäten genannt), welche zum Ausschluss an der Studie führen, da sie den individuellen Verlauf der Anorexie-Erkrankung und Behandlung maßgeblich beeinflussen können. Hierbei handelt es sich um akute Suizidalität, Psychosen (Erkrankungen mit wahnhaften Symptomen), akuten Substanzmissbrauch und Borderline-Persönlichkeitsstörungen. Das Erforschen der Wirksamkeit der Anorexie-Behandlung bei Patient:innen mit diesen Begleiterkrankungen wird dann die Aufgabe zukünftiger Therapiestudien sein. Die Behandlung wird 20 Wochen dauern mit je einer Sitzung pro Woche.  In der Einzeltherapie wird eine Sitzung 50 Minuten dauern; in der Gruppentherapie 100 Minuten, damit die Therapeut:innen genug Zeit haben, um auf die Bedürfnisse aller Gruppenteilnehmer:innen einzugehen.

Auf Basis dieses Studiendesigns könnte neues Wissen zur Wirksamkeit von Gruppentherapie im Vergleich zu Einzeltherapie bei Anorexia Nervosa gewonnen werden. Zwar ist es bis zur vollständigen Etablierung einer neuen Behandlungsmethode in die Standardbehandlung einer Krankheit ein weiter Weg, jedoch ist jede Erkenntnis ein kleines Puzzleteil, das hilft, Stück für Stück ein Behandlungskonzept zu verbessern. Eine Behandlung, die letztendlich vielen an Anorexie leidenden Menschen zu Gute kommen kann. Denn was nicht vergessen werden darf, ist, dass diese Forschung gemacht wird, um den einzelnen Menschen zu helfen.

Der Film „To the Bone“ erzählt die berührende, aufwühlende und emotionale Geschichte der 20-jährigen Ellen. Er beschreibt ihren Kampf gegen die Anorexie, der immer wieder von Höhen und Tiefen geprägt ist und verdeutlicht wie vielschichtig diese Krankheit ist.

Wer sich noch tiefergehend für diese Thematik interessiert, jemanden kennt, der betroffen ist oder selbst betroffen ist, findet auf der Seite der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung weitere umfassende Informationen rund um das Thema Essstörung, sowie Hilfsangebote: https://www.bzga-essstoerungen.de/

 

 

Interesse geweckt? Hier findest du weitere Beiträge aus der Reihe Psychotherapie wirkt?!

 

 

[1] Galmiche, M., Déchelotte, P., Lambert, G. & Tavolacci, M. (2019). „Prevalence of Eating Disorders over the 2000–2018 Period: A Systematic Literature Review“. The American Journal of Clinical Nutrition, 109, 1402–13. https://doi.org/10.1093/ajcn/nqy342.

[2] Batista, M. (2018) „Predictors of Eating Disorder Risk in Anorexia Nervosa Adolescents“. Acta Clinica Croaticahttps://doi.org/10.20471/acc.2018.57.03.01.

[3] Treasure, J., Duarte, T. & Schmidt, U. (2020). „Eating Disorders“. The Lancet, 395, 899–911. https://doi.org/10.1016/S0140-6736(20)30059-3.

[4] Van Hoeken D., Seidell J. & Hoek HW. (2003). Epidemiology. In: Treasure J, Schmidt U, van den Furth E (Hrsg). Handbook of eating disorders, 2. Aufl. Wiley, Chichester UK, 11–34.

[5] Wie häufig sind Essstörungen?. (o.J.). Abgerufen am 24.01.21 von https://www.bzga-essstoerungen.de/habe-ich-eine-essstoerung/wie-haeufig-sind-essstoerungen

[6] Van Hoeken, D. & Hoek, H. (2020). „Review of the Burden of Eating Disorders: Mortality, Disability, Costs, Quality of Life, and Family Burden“. Current Opinion in Psychiatry, 33, 521–27. https://doi.org/10.1097/YCO.0000000000000641.

[7] Rome, E. & Strandjord, S. (2016). „Eating Disorders“. Pediatrics in Review, 37, 323–36. https://doi.org/10.1542/pir.2015-0180.

[8] Jansingh, A., Danner, U., Hoek, H. & van Elburg, A. (2020) „Developments in the Psychological Treatment of Anorexia Nervosa and Their Implications for Daily Practice“. Current Opinion in Psychiatry, 33, 534–41. https://doi.org/10.1097/YCO.0000000000000642.

[9] Wunderer, E., Moll, C. & Kaltenhauser, T. (2020). „Soziale Unterstützung oder soziale Ansteckung? Wie sich Betroffene mit Essstörungen im stationären und Wohngruppensetting gegenseitig beeinflussen“. PPmP - Psychotherapie · Psychosomatik · Medizinische Psychologie, 70, 80–85. https://doi.org/10.1055/a-1070-9415.

[10] Malmendier-Muehlschlegel, A., Rosewall, J., Smith, J., Hugo, P. & Lask, B. (2016). „Quality of Friendships and Motivation to Change in Adolescents with Anorexia Nervosa“. Eating Behaviors, 22, 170–74. https://doi.org/10.1016/j.eatbeh.2016.06.010.

[11] Klein, F. (2019). „Ansteckende Essstörung: In Gruppentherapien beeinflussen sich Patienten nicht nur positiv“. Medical Tribune.

[12] Legenbauer, T. & Vocks, S. (2014). Manual der kognitiven Verhaltenstherapie bei Anorexie und Bulimie. Berlin, Heidelberg: Springer Verlag.